Lerne Atmen ohne Luft zu holen

Krankenhausblog Teil zwei.

 

Heute über Helden des Alltags....

 

 

Blick aus dem Zweibettzimmer.


 A man can be destroyed, but not defeated, Ernest Hemingway

 

Alt zu werden sei nichts für Feiglinge, lautet die augenzwinkernd verbreitete Warnung an alle, die von Jugend an hoffen, noch mit 90 in den Kader der Europameisterschaft einberufen zu werden. Wenn nicht als verlässliche Anspielstation, dann doch wenigstens als Gute-Laune-Bär.

 

Die Werbung befeuert die Sehnsucht nach ewiger Jugend mit strahlenden Models, die im Fernsehen und in den Hochglanzmagazinen den Sieg über die senile Bettflucht verkünden. Dabei kann die Warnung nicht ernst genug genommen werden.

 

Ich bin hier, um „eingestellt“ zu werden. Anfangs hoffte ich, Parkinson ließe sich in den Griff kriegen. Ich weiß es inzwischen besser und sehe auch die Gestalten in der Gymnastikgruppe mit anderen Augen. Früher gemahnten sie mich an meine Zukunft, jetzt sehe ich mich als einer der ihren. Trotz allem: Die Einstellung ist wichtig. Medikamente stabilisieren höchstens. Aber nur, wenn der Kranke rund um die Uhr diesen Kampf führt. Nicht Besserung vor Augen, sondern allenfalls Aufschub. Was das heißt, erlebe ich bei der Stuhlgymnastik. Sieht puppig aus, fordert uns alles ab.

 

Um zwei Uhr riss mich gestern ein aggressives Schnarchen aus dem Schlaf. Heute erwache ich um dieselbe Zeit mit dem Gefühl, ausgeschlafen zu sein. Sind es die neuen Tabletten? Mein Bettnachbar, Waldemar, ist Schlesier und macht seinem Unmut mit polnischen und deutschen Kraftausdrücken Luft. Er verspürt nach einer mißglückten Prostataoperation ständigen Harndrang. Verbissen kämpft er sich über die Bettkante. Er hat immer noch kräftige Muskeln. Als junger Mann schuftete er vor Ort im schlesischen Kohlerevier.

 

Ich beobachte wie er, schwer atmend, längst ist der Wille stärker als die Kraft, versucht, die Starre in Bewegung aufzulösen. Einige Seufzer und Kurva-Flüche weiter, biete ich meine Hilfe an. Ich weiß sehr genau, wann das erwünscht ist. Wir Starrköpfe kennen einander.  Kurva! Die Schwestern können froh sein. Unser Zimmer meldet sich die ganze Nacht nicht. Waldemar und ich haben die Lage im Griff.

 

Sogar im Garten herrscht Maskenzwang. Gut, an die Luft muss ich nicht. Ich bekomme Vitamin D 10 und bleibe auf dem Zimmer. Würde ich das drei Wochen lang aushalten? Yoga lernte ich erst, als ich vor zwei Jahren hier war. Wieder angeleitet zu werden, Neues kennen zu lernen, hatten mich in erster Linie nach Hattingen gebracht. Nun erfuhr ich, auch beim Yoga herrsche Maskenpflicht.

 

Yoga befreit den Atem. Yoga mit Maske sperrt den Atem ein, sagte ich. Die Yogalehrerin verwies auf die Vorschriften der Virenschützer.  Als Frau vom Fach hätte sie sich auf die Richtlinien für ordnungsgemäßes Yoga beziehen müssen. Denn Yoga mit Maske ist wie Fahrrad fahren mit platten Reifen. Man kann es machen. Aber warum sollte man?

 

Vorher

 

nachher