Willkommen zu Hause

 

 

Der erste Teil des Blogs, in dem ich über eines der letzten Abenteuer unserer verplanten Gegenwart berichte: meinen Krankenhausbesuch.


In dieser Zeit macht, wer es kann, home office oder nimmt das vernachlässigte Sanskrit-Studium wieder auf.  Welchen Wagemut zeigt, wer aus freien Stücken drei Wochen in eine Klinik geht? In Deutschlands Kliniken grassiert der Keim. 2020 starben - so das Gesundheitsministerium - bis zu 20.000 der 18,8 Millionen Patienten wegen mangelnder Hygiene. Wie groß die Gefahr ist, zeigt ein Vergleich mit 60.000 Covid-19-Toten im selben Zeitraum. Die beziehen sich auf 80 Millionen Einwohner.

 

Besorgt nehme ich das Risiko in Kauf. Ich bin ja auch in den Zug gestiegen. Trotz des Risikos, zu entgleisen. Ein Risiko einzugehen, heißt ja nicht sorglos oder fahrlässig zu sein. Sondern man muss anerkennen, dass es ihm Leben noch andere Notwendigkeiten gibt. Das scheinen die Verantwortlichen des Krankenhauses anders zu sehen.

 

Kein Besuch! Ruft mir ein Schild zu. Ich bin nicht auf Besuch hier, sondern freue mich auf drei Wochen als Patient auf der Neurologischen Station. Hier werde ich Parkinson mit einer komplementären Therapie von Schulmedizin und Traditioneller Indischer Medizin begegnen.

 

Die freundliche Geschäftigkeit haben sich viele der hier Arbeitenden erhalten, seit ich vor zwei Jahren hier war. Ich fühle mich gut aufgenommen. Der 83-jährige Zimmergenosse macht einen ruhigen Eindruck. Waldemar ist hier, weil sein rechtes Bein streikt. „Schwester, gucken Sie sich mal mein Bein an," regt er sich auf. "Es schmerzt so, wo kommt das her?“ „Dat Bein ist alt.“ Wie ich diese Herzlichkeit vermisse, die nie wirklich verletzende Direktheit.  Vor 45 Jahren machte ich mich vom Ruhrgebiet auf in die weite Welt,  um schließlich in Hamburg Altona vor Anker zu gehen. Mein Heimatfluss schlängelt sich unweit der Klinik durch die Landschaft, die ich schon als Kind vor allem unauffällig fand.

 

Unter den Bedingungen der Corona Pandemie würde es Einschränkungen geben. Aber warum, fragte ich mich bald, muss immer voll Stoff gegeben werden? Wie immer ist der Worst Case der Maßstab. Der Schutz vor der denkbar größten Gefahr. Und das, obwohl alle im Haus negativ getestet oder sogar geimpft sind.

 

Wie die Schwestern sich Luft verschaffen, weiß ich nicht. Sie leiden still. Hier lässt niemand den Frust, den es gibt, wie ich in Gesprächen mitbekomme, an den Patienten aus. Zugleich achtet das Personal penibel auf die Einhaltung der Regeln.

 

In den Zweibettzimmern dürfen die beiden Bewohner nicht gemeinsam essen – wegen zu großer Nähe. Hätte ich mich mit diesem Argument weigern sollen, meinem Bettnachbarn in die Hose zu helfen? 

 

Ich rief vom Flur aus zu Hause an, da höre ich Waldemar rufen. Ich finde ihn kurz vor dem Absturz „auf halb acht“ vor der Toilettentür. Irgendwie hatte er sich verklemmt und drohte zu fallen. Ihn zu beruhigen, den schweren Körper festzuhalten, mit einem Bein einen Stuhl angelnd, die Ruftaste zu drücken und ihn sachte auf den Stuhl zu verfrachten, ist jetzt eins. Als die Schwester kommt, sitzt Waldemar bereits beruhigt vor seinem Schrank. Auf die Frage, warum er sie gerufen habe, antwortete er: „Ich suche mein Ladegerät.“ Wütend dreht die Schwester ab. - Schön, wieder da zu sein.

 

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