Als Gottseibeiuns durch Coronaland

Unhöflich seien die Menschen in der Pandemie, könnte man meinen.


Taxi fahren ohne wenigstens zu versuchen, dem Fahrer etwas Interessantes zu entlocken, ist wie Rad fahren mit Platten. Der Mann, der mich von Mülheim nach Essen fährt, erzählt von deutschen Offizieren in der osmanischen Armee. Von seiner Mitgliedschaft in der MLPD vor 40 Jahren. Und vom Präsidenten, den er nicht beim Namen nennt. Und schon sind wir am Hauptbahnhof und ich steige um hundert Fragen reicher aus.

 

Auf dem Buckel Klamotten und Bücher für drei Wochen, haste ich, so gut es geht, zum Gleis 6. Urplötzlich schmelzen meine Beine. Bis zum Gleis schaffe ich es nie und nimmer. Ich bitte junge Leute in roten Bahnanoraks um Hilfe. "Alles gut", und schon packen Hände wie Bratpfannen mein Gepäck. Gleis 6  ist zugig.  Aber mein Zug fährt wegen einer Baustelle von Gleis 21 ab. "Alles gut", schon dackele ich so schnell ich kann, dem roten Anorak hinterher. Dankbar und beschämt würde ich mich gern erklären, aber schon werde ich im Regionalexpress nach Münster platziert, ohne dass mein Retter ein Wort sagt oder hören will. Außer, Sie ahnen es: "Alles gut".

 

MIch am Gepäckregal festhaltend, mache ich während der Fahrt Dehnübungen. Früher hätte ich mich nicht getraut, mich so zu exponieren. Jetzt bemerken mich die anderen Fahrgäste nicht einmal. Alle glotzen konzentriert auf ihr Smartphone.

 

Die Pandemie habe der Gesellschaft die Geselligkeit ausgetrieben, schrieb ich kürzlich. Jetzt wird mir klar, was das bedeutet. An einem grauen Tag wie diesem laufe ich auch nicht fröhlich herum. Zumal mir der Rucksack meine Grenze aufzeigt. Wir sind alle in Eile. Was verlange ich? Dann wird mir bewusst, was ich bisher nur unbehaglich spürte. Die Menschen schauen mich noch an. Aber so, wie sie ein Hindernis registrieren. Niemand erwidert meinen Blick.

 

Alle checken den Abstand. Fast alle weichen erschreckt zurück, sobald ich mich auf sie zubewege. Panisch, wie eine Frau, die ich bitten wollte, mir beim Einstieg in den ICE eine Tasche abzunehmen. Ich fühle mich , als sei ich der Leibhaftige.

 

Ich setze mich an einen Tisch im Großraumwagen. Die junge Frau, die wort- und blicklos gegenüber Platz nimmt, meint es nicht böse. Als mir etwas auf den Boden fällt, reicht sie es mir, wort- und blicklos.

 

Der Taxifahrer am Dammtorbahnhof, begrüßt mich mit "Bon soir, monsieur", verstaut den Rucksack, greift nach dem Laptop. "Handle with care", ermahne ich ihn. Die Basis für small talk ist gelegt. "Alles gut" bedeutet nichts weiter als "Bleib mir vom Leib".

 

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