Risiko macht nicht froh

Was ist, wenn die Herde in die falsche Richtung läuft, auf einen Abgrund zu?

 

Dann ist sie verloren. Nur das schwarze Schaf bleibt übrig. Belämmert aus der Wolle schauend:

 

Risiko ist nicht schön, denkt es und zieht die Schnauze-Nase-Bedeckung hoch. Die Herde ist tot. Aber wer weiß... Jedenfalls ist nichts Schönes ohne Risiko.


Wer nicht mit der Herde läuft, macht sich verdächtig. Denkt er quer? Denkt er überhaupt? Handelt es sich um einen notorischen Gesetzesbrecher? Will er keinen Staat?

 

Auf mich trifft nichts davon zu. Von einer Massage kommend, stehe ich im Bademantel drei Ärztinnen und einem Arzt gegenüber. Sie wollen mich überreden, am Yoga teilzunehmen. Ich habe Parkinson. In den letzten Wochen verschlechterte sich mein Allgemeinzustand. Ich möchte wissen, woran ich bin. Deshalb bin ich hier, in einer Spezialklinik. Hier herrscht Maskenpflicht. Obwohl  alle laut Test virenfrei sind.

Die Maske verursacht schon im Normalbetrieb Atembeschwerden. "Yoga ist freies Atmen“, argumentiere ich. Doch die Bestimmungen der Pandemieverordnung stehen über allem. Die vier verlangen mein Einsehen. Sonst nichts. Ich erbitte Bedenkzeit und ziehe mich ins Zimmer zurück.

 

Dort finde ich meinen Bettnachbarn nackt auf dem Boden der Duschkabine. Der Gehbehinderte war gestürzt. In den ersten zwei Kliniknächten hatte ich ihm mehrfach geholfen, zur Toilette zu kommen. Die flehenden Augen des Gestürzten erinnern daran, welche Verantwortung ich übernommen hatte. Ich verlasse die Klinik. Auf eigenes Risiko.  

 

Was ist passiert, seit der Staat „seine Samthandschuhe“ abstreifte? Die „Lust am Durchregieren“ der Exekutive sei „etwas, das alle beunruhigen muss, die für Demokratie, sprich für Gewaltenteilung und Grundrechte eintreten“, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk in seinen eben erschienenen Aufsätzen. Mir kommt es vor, als brächen die Menschen in meiner Umgebung unter dem Druck der ihnen aufgeladenen Verantwortung zusammen. Sie machen sich klein. Vermeiden Stellungnahmen.

 

Im Frühjahr 2020 arbeitete ich für die Diakonie. Mich erstaunte und beängstigte der Übereifer, sämtliche staatlichen Vorgaben zur Pandemiebekämpfung zu erfüllen. Zu Ostern warb ich dafür, die Kirchen zu öffnen. Vor Augen die kommenden Leiden; die Isolierung, den Rückzug und die Unterordnung aller Lebensgeister unter die Angst. Angst regierte auch die kirchlichen Fachleute. Dort hielt ich es für möglich, Menschen echte Treffen zu ermöglichen - auf Abstand natürlich. Gespräche hätten Menschen entlasten können.

 

Mit etwas mehr Mut hätten Kirchen und Verbände die psychischen Zerstörungen mildern, wenn nicht gar verhindern können. Die Freiräume der Subsidiarität nutzend, hätten sie „Sprachrohre der Notleidenden“ sein können. Stattdessen verbarrikadierten sich die Berater. Per Telefon versicherten sie: Wir lassen Sie nicht allein.

 

Ich ließ es einmal darauf ankommen, als ich von einem Zugbegleiter der Bahn eine inhaltliche Begründung für das Maske tragen in einem leeren Waggon hören wollte. Der Pressestab der Bahn hatte das Personal offenbar schlecht gebrieft. Ein Satz wie: „Sie gefährden sich und andere“, hätte gereicht. Stattdessen die leerlaufende Warnung: „Sie verstoßen gegen die Bestimmungen. Ich lasse Sie von der Bahnpolizei aus dem Zug entfernen.“ Und jetzt wollen die Ärztinnen mich zum Yoga überreden: "Tun Sie doch wenigstens als ob".  Man stelle sich vor, die Klinik werbe: "Wir schützen Sie vor Ansteckung. Medizinisch tun wir nur so als ob."

 

Als ich die Klinik verließ, enttäuscht und mit dem Vorrat an Klamotten und Büchern für drei Wochen auf dem Buckel, durchzuckte es mich: Ich bin ein Corona-Opfer. Ich habe Parkinson. Ich hatte viel von der Behandlung erhofft. Aber wesentliche Teile konnten nicht stattfinden, weil Mediziner die Bestimmungen der Pandemie höher einstuften als ihr professionelles Wissen und den Eid, den sie schworen. Aus Verantwortung für das große Ganze, ließen sie ihre Patienten im Stich. Wenn ich in meinem Leben eines nie sein wollte, dann ein Opfer.

 

Stefan Moes    Schreibtischler