Wer alles versteht, will nichts verstehen

 

 

Alles verstehen wollen, ist löblich. Für alles Verständnis zu haben, war nicht einmal in den Kinderläden 1968 angesagt. Im neuen Deutschland steht Das musst du verstehen für: Wir wollen Deine Kritik nicht.


Was ist an dem Satz: Das musst du verstehen, so schwer zu verstehen? Ich weiß es selbst nicht. Manchmal kritisiere ich einen Menschen oder sein Verhalten. Dann sage ich zum Beispiel, ich könne nicht verstehen, warum es nicht möglich ist, im Laden der Büchergilde, wo ich einziger Kunde bin, auf die Maske zu verzichten. Im Sommer nimmt sie mir den Atem. Parkinson mag keine Hitze. Ich bewege mich am Rand des Erträglichen.

 

Ich suche eine gute Neurologin. Ein befreundeter Osteopath sagte, in Hamburg gebe es keine. Eine Nachbarin erzählt mir von einer Frau, die sehr sensibel sei, aber jetzt in Wilhelmsburg praktiziere. Ich nehme also die S-Bahn und wage den Sprung über die Elbe. Bücherlesen ist in Bus und Bahn schon lange kein Zeitvertreib mehr. Dabei eignen sich Werke wie „Having and Being Had“ von Eula Biss hervorragend. Sie schreibt locker leicht über prekäre Lebensentwürfe, den täglichen Kampf um das Selbstwertgefühl.

 

In der Buchhandlung Gutenberg hatte ich um ein Glas Wasser für die Pillen gebeten. Die Buchhändlerin kennt mich seit rund 30 Jahren. Sie sieht, wie mich die Maske schafft. Schwitzend  und zitternd sage ich: „Das Maske tragen ist doch nur symbolisch. Wir sind ja allein hier.“ Mit großem Ernst erzählt sie mir dann, wie die Bestimmungen sind. Die kenne ich. Richard Wagner wird der Satz zugeschrieben, der hier wie die Faust aufs Junkieauge passt. „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst betreiben.“ Fast alle, denen ich davon erzähle, meinen, ich müsse die Frau verstehen.

 

Vorbei an der Wiese vor dem Drob Inn, merke ich: Mit meinem zugleich trippelnden und schlurfenden Gang und auf 60 Kilo abgemagert, könnte ich glatt als einer der Junkies durchgehen, die sich unter den Bäumen fläzen. Das wäre jetzt ein schönes Bild, wenn zwei Uniformierte die Verstöße gegen das Maskengebot durchzusetzen versuchten. Die Pandemie ist auch so ein class thing. Die vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschichtler können noch mal zeigen: Wir halten uns an die Regeln. Das Gesocks nicht.

 

In der S-Bahn nach Wilhelmsburg scheinen die Afrikaner die größte Gruppe zu sein. Vor 25 Jahren, als wir uns nach einer Wohnung umschauten, wohnten auf der Elbinsel vor allem Türken. Jetzt fällt mir der Vater ein, der nicht wollte, dass seine Kinder hier zur Schule gehen. Zu viele Ausländer, sagte der Türke. Das muss um 2005 gewesen sein.

 

Die Migranten gehen inzwischen zu Ärzten, die aus ihrer Heimat stammen, irgendwie. In Wirklichkeit sind sie Hamburger. Vielleicht sogar Deutsche, gut so. Aber ich stelle fest, an der Mundsburg bekomme ich einen Neurologentermin im Juli. Hier muss auch die Frau mit Schwindel bis September warten. Da kann einem schon schwindelig werden.

 

Was für eine wachsende Zahl von Menschen in den USA gilt, wird auch hier zutreffen. Ich glaube, nicht viele meiner Mitreisenden haben Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Eine bunte Gesellschaft mag gefallen. Wenn bunt arm heißt? Andererseits, wer Hoffnung hat, fühlt sich nicht arm, lese ich bei Frau Biss. Wo stehe ich mit meiner kleinen Rente? Wäre ich nicht krank, fühlte ich mich reich, ich hätte noch Ideen.

 

Wer die Bestimmungen befolgt, drücke seine Solidarität aus, hatte mir die Buchhändlerin weismachen wollen. Na sowas. So wie  Abstand mit einem Mal die neue Nähe war und aus Isolierung Zuwendung wurde. Klänge es nicht nach Verschwörung, könnte einem Newspeak aus George Orwells Roman 1984 in den Sinn kommen. Apropos Wagner, wäre ich kein Deutscher, könnte ich vielleicht glücklich werden. Schade, dass es drüben nicht mehr gibt. Dahin würde ich die Untertanen und Gewohnheitstäter gern schicken. Das verstehen Sie doch?