De l´angoisse à l´extase*

Falls Sie einmal, wie ich kürzlich, im Bademantel vier Medizinerinnen gegenüber Rede und Antwort stehen müssen, merken Sie sich: Wenn Blicke töten könnten, machten Kleider Leute.

Und wenn ein Bewunderer des französischen Staatspräsidenten Macron Deutschland auf der Kippe zum Polizeistaat sieht, ja, was dann?

Wichtiger nur die Antwort auf die Frage, was dieser Text mit Parkinson zu tun habe. Stellen Sie sich Herrn Sloterdijk im Bademantel vor.

 

* Sie wissen nicht, was das heißt? Machen Sie es wie ich, googlen Sie. Oder fragen Sie die Herren Unfried, Welzer oder Sloterdijk.


Muße, leisure, war im alten Griechenland ein Privileg freier Männer. Das lernten wir am humanistischen Gymnasium  für Jungen. Damals waren Lehrer, die für ihren Führer fast Moskau eroberten, immer noch der Ansicht, Männer machten Geschichte. Geschlagen, den Kopf voller Trümmer, die  unsere Gedanken erdrückten. Gäbe es nicht die Frauenbewegung, wir wären noch dümmer. Immer noch tun sich junge Frauen leichter, das Leben zu schildern. Mit allem, was dazu gehört. Zum Beispiel prekäres Arbeiten.

 

Mit Gewinn las ich Having and Being Had der jungen Amerikanerin Eula Biss. Sie vermittelt den prekären Lebensstil so anschaulich, dass man quasi nebenher die große Veränderung des Lebens im Neoliberalismus versteht. Die Menschen unten kennen keine Muße. Weder in den USA noch hier. So hangeln sich die Juniorprofessoren an deutschen Universitäten von einem Zweijahresvertrag zum andern. Die Hoffnung, irgendwann oben anzukommen, hält die Menschen bei der Stange und den Laden zusammen.

 

Peter Sloterdijk ist arriviert, seit er 1983 bei Suhrkamp die zweibändige Kritik der zynischen Vernunft herausbrachte. Sein Name ist eine Marke, die feinsinnige philosophische Seismographie der Gesellschaft liefert. Gerade erschienen Interviews, die er während der Pandemie gab. Der Staat streift seine Samthandschuhe ab. Das knallt. Sloterdijk warnt vor dem Ausnahmezustand. Er sieht überall eine durchregierende Exekutivgewalt am Werk. Das ist etwas, dass alle beunruhigen muss, die für Demokratie, sprich für Gewaltenteilung und Grundrechte eintreten.

 

Wie präsentiert man sich, wenn man eine solche Botschaft überbringt? Sloterdijk sieht den Leser direkt an, über die Brille hinweg und über die Kamera, die ihn aus einer leichten Untersicht in Szene setzt. Unter der Pandemie leide er nicht besonders. Seine Philosophenhöhle umgebe ihn - erzählt er - egal, wo er sich aufhalte. Sloterdijk steht über den Dingen und weit über denen, die keine Muße haben.

 

Seine Gesprächspartner können oder wollen ihm nicht das Wasser reichen. Der Philosoph greift ihre Stichworte auf und zeigt, was er drauf hat. Seine Belesenheit wird zur Waffe, gern nutzt er name dropping zur Einschüchterung. Dieser Geistesriese hätte es nicht verdient, in einer Tonne philosophieren zu müssen. Ungefragt prahlt er mit Wohn- und Lehrorten. Keine Rede von dem immensen ökologischen Fußabdruck, den seine Lebensweise hinterlässt.

 

Ausnahmslos Männer winden sich vor ihm. Besonders tief gehen Peter Unfried und Harald Welzer vor dem Verehrten in die Knie. Sie erheischen Erkenntnis über die vernünftige Mehrheit und die irrationalen Quertreiber, ohne einmal klar zu benennen, wen sie eigentlich meinen. Schon von Seitenwechsel zu sprechen, unterstellt ja, es gäbe in den Konflikten um die Pandemie die Guten und die Bösen. Der Philosoph meint – und es reiche, es zu meinen – eine Mehrheit sei im Recht. Alles bleibt im Ungefähren, man kennt das von Texten der beiden Autoren, die den Rezensenten oft ratlos machen. Bewohnen die beiden Denker des Grünen Projekts und er denselben Planeten?

 

So mäandern die Gepräche ohne erkennbares Interesse an den konkreten Lebenswelten der Menschen durch die Geistesgeschichte. Sloterdijk kann unterhalten. Die Spannung hat er in einem Halbsatz im Vorwort gekillt. Seine anfängliche Erregung habe sich gelegt. Er predigt Gelassenheit, feiert die neu entstandene Pandemie-Notgemeinschaft. Da hat der Käufer bereits angebissen und 18 Euro berappt.

 

Irgendetwas an der Inszenierung auf dem Cover stört. Hält der Professor mit der Rechten das Jacket in Form? Dieses Kleidungsstück verletzt den dress code, es wirkt keinesfalls wie leisure ware. Steif und mit viel zu breiten Revers könnte es ein Zeichen sein. Dann ließe es sich so lesen: Seht her, ich bin vor allem Beamter. Als Staatsdiener werde ich nicht für riskantes Denken bezahlt.

 

Als Vorbild für junge Akademiker hat der Berühmte ausgedient. Für nur wenige Juniorprofessoren wird es zur tenure, zur festen Laufbahn, reichen. Selbst für sie ist nicht mehr so viel Muße vorgesehen, wie sie Peter Sloterdijk genoss. Das mindert nicht den Fleiß der Jungen. Ich habe  es selbst beobachtet. Wer noch hofft, ist nicht arm.