Todesengel und andere Trugbilder

 

 

1984 ist so lange her. Dabei kann ich mich an Zeiten erinnern, da glaubte ich, dieses Jahr, auf das sich Ängste vor dem Überwachungsstaat konzentrierten (dabei hatte George Orwell nur die letzten Ziffern des Erscheinungsjahrs 1948 umgedreht), läge unerreichbar weit weg.

 

Aldous Huxley habe die bessere Geschichte erzählt, meinte ich mich zu erinnern, bis ich die Namen der Helden las: Lenina Crowne und Bernard Marx.


 

Ich wollte nicht der Todesengel sein, erklärt eine Bekannte, weshalb sie ihre Großmutter mehr als ein Jahr lang nicht besuchte. Die Frau ist nicht vom Virus infiziert, sondern von Angst. Ein Opfer der Corona-Kampagne. Mich ärgerten vom ersten Tag an das verbale Auf-die-Tonne hauen, die Shock and Awe-Momente (Massengräber in New York), die durch hochtourig laufende Breaking News willfährig gemachte Öffentlichkeit. Todesengel, so ein Schmarrn.

 

Jens Spahn machte seine Inkompetenz zum Programm. Noch vor seinem ersten Fehler orakelte er, man werde sich am Ende Vieles verzeihen müssen. Oder sollte diese Voraussage sein erster Fehler gewesen sein? Ehrlich gesagt – man kann nicht alles im Voraus wissen. Zum Fehler eingestehen gehört jedoch zwingend die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Dann heißt es Abschied nehmen von der bräsigen Maxime: Unsere Strategie ist alternativlos.

 

Unabhängig von Rezidenzwerten, Todesfällen und anderen Anzeichen für die Gefährlichkeit des Virus, traktiert man die Überlebenden  immer mit dem vollen Programm. Sehr schön zu beobachten im Mai auf Sylt, als nur Menschen, die negativ auf Corona getestet waren, auf die Insel durften, um auszuprobieren, wie der Tourismus wieder funktionieren könnte. Man sah getestete Menschen auf der Seepromenade, mit medizinischen Masken, wo Honorarkräfte (Arbeitsform des 21. Jahrhunderts) das Einhalten der Regel überwachten. Das nenne ich Herdenimunität.

 

Und wie fiel das Ergebnis aus? Gut. Besucht Sylt. Natürlich ist nicht alles perfekt. Wie überhaupt stört, dass nicht alle ausreichend getestet sind, nicht alle ein Smartphone haben, mit dem sie 24/7 weltweit auffindbar wären, Bargeld noch als Zahlungsmittel gilt und der fälschungssichere Impfpass auch noch nicht da ist.

 

Optimistisch stimmt jedoch der Eifer der Erfassten, die sichtlich erleichtert die Auszeichnung genossen, als Geimpfte Lokale entdecken zu dürfen, die Ungeimpften immer verborgen bleiben werden.

 

Noch Zukunftsmusik sind individuelle, wenige Nano-Meter* große Identity-Chips. Sie können sämtliche persönlichen Daten speichern oder sie über eine cloud anderen Menschen zuspielen. Sitzen sie erst unter der Haut, können Ärzte Behandlungen checken, Restaurants und Sex Shops Gäste abweisen und Finanzämter Steuersünder dingfest machen. Alles wird leichter und fast hundertprozentig sicher. Ich kenne nur Leute, die das hinnehmen oder Leute, denen es nicht schnell genug gehen kann. Schließlich will man Omi wieder zum Filterkaffee einladen.

 

ZUM VORAUSGEHENDEN TEXT

 

 

 * Ein Nano-Meter ist ein Zehntausendstel Millimeter. Wenn Sie bedenken, dass Tischler auf einen Millimeter genau arbeiten, brauchen Sie, um sich diese Distanz vorzustellen, nur 10.000 Tischler… Sie können nicht folgen? Also noch einmal…