Der schon wieder

Nils Minkmar ist in Journalistenkreisen weltberühmt. Seit kurzem auch berüchtigt.


Was für ein Erlebnis, die amerikanische Schriftstellerin Irene Dische in der ZEIT zu lesen. Als Feministin tut sie die Gender-Debatte als das ab, was sie ist: der Zwang, Menschen auf eine sexuelle Identität festzunageln. Der Fortschritt soll darin bestehen, ein Kästchen mehr ankreuzen zu können. Das kann frau unmöglich für Emanzipation halten.

 

Ernüchtert lese ich Irene Disches Bericht über die Zensur in Amerika, die unter dem Vorwand, auf der Seite der Ausgegrenzten zu stehen, Andersdenkende verfolgt und nicht davor zurückscheut, sie ihrer Lebensgrundlagen zu berauben. Erschreckend, wie Universitätsleitungen in die Knie gehen. Deprimierend, wie mutlos Intellektuelle sein können.

 

Das alles steht uns bevor. Hier etabliert sich die Kultur des Verdachts gerade erst. Wie beim Gender geht es bei Corona zu einem guten Teil um Moral. Wer in die Nähe nicht genau definierter Querdenkerei gerät, muss darauf gefasst sein, rüde herabgewürdigt zu werden.

 

Wie das geht, zeigt Nils Minkmar in der Süddeutschen Zeitung. Sein Machwerk unterscheidet sich im Kern nicht von den Vernichtungsphantasien serviler Kulturfunktionäre in der Sowjetunion unter Stalin, die mit pseudoliterarischer Kritik den Dichter Ossip Mandelstam aus ihren Reihen entfernten. Ich komme darauf, weil ich gerade Mandelstams Biographie lese.

 

Das einzig Bemerkenswerte an Minkmars Text ist die Bereitschaft zur Lüge. Er kann anders, wenn er will. Hier will er nicht. In #allesdichtmachen sah er Schauspieler– er nennt sie Personenin leeren Wohnungen wirre Texte aufsagen. Man muss die Texte nicht lustig finden. Was ich sah, waren gute Schauspielerinnen. Die Räume waren möbliert.

 

Alles sei gesagt. Jedes Argument in Stellung gebracht, behauptet der Autor, der kein Problem damit hat, kritische Geister in einem Atemzug mit Donald Trump zu nennen. Inzwischen erfordert es Mut, dem Shitstorm der veröffentlichten Meinung zu widerstehen. Es scheint, als fühlte sich Nil Minkmar von der Unbeugsamkeit, die er als Dreistigkeit wertet, besonders provoziert. Wagen es die Virusleugner doch, nachzulegen. Mit #allesaufdentisch.

 

Wer wie Nils Minkmar glaubt, bei Lanz sei alles ausdiskutiert worden, sollte sich ansehen, was in der ZEIT zu lesen war. Das Gespräch zwischen Markus Lanz, Giovanni di Lorenzo und Jan Böhmermann entkernt seinen Erguss inhaltlich.

 

Wie gesagt: mit diesem Verriss zeigt der Journalist denen, die das Denken nicht lassen wollen, die Instrumente. Wer sich trotzdem treu bleibt, geht ein hohes Risiko ein und riskiert womöglich seine Arbeit. Theaterchefs sind nicht unbedingt mutiger als Universitätsleitungen.

 

Ich möchte nicht in Nils Minkmars Haut stecken. Die deutsche Kulturszene ist übersichtlich. Bei der nächsten Premiere den Geschmähten zu begegnen, muss unglaublich peinlich sein. So abgestumpft, dass ihm ihre Verachtung gleichgültig wäre, kann Nils Minkmar nicht sein.

 

Als Feministin ist Irene Dische meilenweit entfernt vom, wie sie sagt, weinerlichen Narzissmus, der sich im Bemühen um Gendergerechtigkeit zeige. Im wirklichen Leben gehe es um Geld und Macht. Beides besitzen weiße Männer. Nils Minkmar hat das anscheinend – wie viele andere – im Urin, wie man so schön sagt. Sein Text liest sich wie ein Offenbarungseid und eine Bewerbung zur weiteren Verwendung.

 

Wer die gegenwärtigen Konflikte um die Pandemie verstehen will, sollte Heribert Prantl lesen.