Kommt ein Mann zum Arzt

Humor über Parkinson. Witze über ein so ernstes Thema wie Parkinson machen… darf man das? Der da fragt, ist Markus Maria Profitlich, ein Kölner Komiker. Ich habe ihn vor vielen Jahren im Fernsehen gesehen, wo er eine eigene Show hatte. Ziemlich flach fand ich das damals. Mehr möchte ich auch heute nicht sagen. Hätte der Autor mir vorher diese Frage gestellt, ich hätte ihm geraten:  man darf (warum auch nicht?), man muss aber nicht.

 

Ich will dem Mann nichts Böses. Er hat wie ich Parkinson und war zum Zeitpunkt der Diagnose erheblich jünger als ich. Das vergrößert den Schock. Wir erfahren aber nicht viel von ihm. Das wäre nicht schlimm, wenn wir sonst etwas Wissenswertes oder Amüsantes erführen.

 

Einmal alles auf den Kopf gestellt sei ein Buch, das Mut macht, hat der Verlag auf die Rückseite des Covers geschrieben. Es macht aber keinen Mut. Noch nicht mal Wut. Es lässt einen einfach nur kalt. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass es Mut kostet, dieses Buch zu machen.

 

Genauso gut kann ich mir vorstellen, dass dieser Humor Fans findet. In Kölle sagen sie, jeder Jeck sei anders. Lassen wir es dabei. Es ist ein dünnes Buch. Das weiß ich immer mehr zu schätzen. Dächte ich jetzt noch länger nach, fände sich vielleicht noch der ein oder andere Grund für eine positive Rezension. Es überwiegt aber das Gefühl, einem Etikettenschwindel aufgesessen zu sein. Zum Schluss gab es doch noch einen Lacher. Bei momox bringt das soeben für 14 EURO erstandene Werk keinen Cent.

 

M. M. Profitlich, Einmal alles auf den Kopf gestellt, Lappan-Verlag, 2021, 14,00 EURO

 

Da freut sich die Hand

Über das behandelt werden. Häufig werde ich gefragt: Sind Sie gut eingestellt? Meistens kann ich den Fragenden beruhigen. Die Ärzte tun, was sie können. Und sie können zum Glück viel.

 

Immer wieder fordert mich mein Neurologe auf, Ergotherapie oder Krankengymnastik zu machen. Der positive Effekt sei in Studien bewiesen. Ich glaube das ohne Weiteres. Trotzdem entziehe ich mich. Ich meide die Praxisräume, weil ich dort auf Menschen treffe, an denen ich studieren kann, was auf mich zukommt. Oder die mir – noch schlimmer – die Illusion rauben, mich habe es noch nicht so schwer erwischt.

 

Und dann ist da etwas Grundsätzliches. Die Krankenkassen genehmigen anstandslos Bewegungstherapien. Aber die Behandlungszeiten wurden zusammengestrichen. In weniger als einer halben Stunde – also noch ehe man sich an die Situation gewöhnt – ist die Behandlung vorbei. Dafür lohnt sich das Umziehen nicht.

 (...)

Ich erinnere mich nur undeutlich an die Situation. Es war kurz nachdem ich die Diagnose erhalten hatte. Ich hatte mich zu einer Ergotherapie überreden lassen. Bis dahin sah ich meine Tischlerei als idealen Ort, um kleinteilige Bewegungsabläufe zu üben: die Finger müssen geschmeidig bleiben, wenn ich weiterarbeiten will. Nun sollte ich eine bestimmte Bewegung ausführen. Ich machte das ganz gut. Das Lob war schon schwer zu ertragen. Denn es wurde mir für eine Leistung zuteil, die ich mehr als 50 Jahre erledigte, ohne einmal darüber nachdenken zu müssen. Diesmal hatte ich nachgedacht. Und dann sagte die Therapeutin: Da freut sich die Hand. Ich freute mich wohl nicht wie gewünscht. So dass sie nachhakte. Ich war zu gern gesund, sagte ich lahm.


Die Angehörige: Hilflose Nähe

Gern erinnert sie sich an ihr Gefühl der Verbundenheit inmitten einer applaudierenden Menge. Zufrieden und aufgeregt strahlte sie in Richtung ihres Mannes, der vorn am Bühnenrand stand und seine Freundinnen und Freunde mit raumfüllender Lautstärke begrüßte.

 

Fast einhundert Menschen feierten. Aber was als Auftakt eines beruflichen und privaten Neuanfangs gedacht war, wandelt sich in der Rückschau zu einem Abschiedsfest. Ohne dass es beiden bewusst wurde, verlieren sie gemeinsame Kontakte. Ob Parkinson dafür verantwortlich ist, wer weiß? Das Fest fand bereits nach der Diagnose statt.

 

Wenige Wochen vor der Diagnose sah er in einem Schaufenster Stifte, die er sich gern kaufen wollte. Sie spürte seine Unsicherheit, schon als sie den Laden betraten. Er wurde bei dem Versuch, zu erklären, was er mit den Stiften vorhatte, immer leiser, stockend endete er im Nichts, wandte sich um und ging. Ich stand bei ihm und wusste ihm nicht zu helfen, ohne dass er sich bevormundet fühlen würde. Noch heute muss ich weinen, wenn ich uns beide sehe. So tief verunsichert und hilflos.

 

Sie habe die Veränderungen früh wahrgenommen, erzählt sie. Immer schon leise, verstummte er nun, aus Schweigen wurde Depression, er klagte über diverse Schmerzen. Aber nicht einmal Fachärzte schlossen auf das Parkinson Syndrom.

 

Sie reagierte ungehalten, wenn er schweigend hinter ihr hertrottete. Er solle sich nicht hängen lassen, Sport machen, sich gesund ernähren. Sie reagierte aufgebracht, wenn er mitten im Gespräch aufstand. Ich musste erst verstehen: Parkinson schädigt das Kommikationsvermögen. Mein Mann merkt nicht, dass er mich sitzenläßt.

 

Die Diagnose selbst traf sie beide nicht übermäßig hart. Wir wussten endlich, woran wir waren. Sie war es, die sich schlau machte. Sie unterstützte den Vorschlag einer Freundin, die Eurythmie empfohlen hatte. Ich bekam den Eindruck, meinen Mann zu nerven. Er wollte auf keinen Fall bevormundet werden.

 

Es hat lange gedauert, bis sie begriff: die Krankheit würde bleiben und sie würde schlimmer. Als sie gemeinsam Tango tanzen wollten, stellte er fest, es ging nicht mehr. Das Scheitern der gemeinsamen Projekte, die das Paar plante, um sich weiterhin außerhalb der Krankheit zu begegnen, empfindet sie als besonders schlimm: Es geht nicht darum, ob ich ihn verlassen will. Aber es wird immer schwerer zu ertragen, wie die Krankheit von ihm Besitz ergreift.

 

Im Alltag sorgen vor allem die Routinen für Ärger. Er ist unglaublich vergesslich geworden. Oft wirke er getrieben, sagt sie. Er findet kein Ende, muss noch dies und jenes erledigen, obwohl er weiß, die Zeit wird knapp. Gleich wann sie startklar sind und losfahren, am Bahnhof verpassen sie den Zug. Mich nervt das kolossal, obwohl ich weiß, dass er nicht die volle Kontrolle über sich hat. Die vermissen anscheinend auch die vielen Freunde. Sein Telefon klingelt selten.

 

I have nothing to offer but blood sweat and tears, hatte er ihr - Winston Churchill zitierend - wenig Hoffnung gemacht. Umso wichtiger sind die Freundinnen, die sie halten und stabilisieren.

 

 

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Digitale Kontrolle

Was kann die Kamera, was ich nicht kann? Alles gut? Alles gut. Nein, nicht ganz. Ich schlafe kaum noch und tagsüber verlängern sich die Phasen, in denen mich Parkinson zur Passivität verurteilt. Der Neurologe hatte mir beim letzten Besuch ein anderes Medikament empfohlen. Zum Austausch der Nebenwirkungen, wie sich jetzt herausstellt. Also fährt er schweres Geschütz auf: eine digitale Beobachtung. Ob ich einverstanden sei, eine Kamera in der Wohnung installieren zu lassen? Mehrmals am Tag nähme ich online Kontakt zu Experten auf, die mich direkt beobachten könnten. Auf die so erzeugten Daten hätten dann alle Stellen Zugriff, denen ich die Einsicht erlaube.

 

Ich zögere. Sprechen Ressentiments gegen die digitale Datenerfassung? Stehe ich mal wieder dem Fortschritt im Wege? Ich sage zu.

 

Der Logopäde, dem ich von meinen Zweifeln berichte, schlägt mir vor, selbst Protokoll zu führen. Er hat ein Formular entwickelt. Schnell wird mir klar: ich brauche die Technik nicht. Wie immer in der Medizin geht es um Compliance, um das aktive Mitmachen. Aus Sicht des Patienten um Selbstdisziplin und den Mut, zu sagen, was ich brauche. In diesem Fall wäre das keine Kamera, sondern ein ansprechbarer Arzt. Ansprechbar ist mein Neurologe.

Wir bleiben dran...


Das zweite Leben

Rezension von Stefan Moes

 

Diese Gebrauchsanweisung für ein Leben mit Parkinson ist voller Sätze, die im Kopf bleiben oder sich irgendwie im Körper festsetzen, wo sie als dumpfes Gefühl weiterwirken. Von dort aus gelangen sie wieder ins Bewusstsein, um mir klarzumachen, was für ein Hammer diese Krankheit ist. Christian Jung bekam die Diagnose Parkinson mit 44 Jahren. Also sehr früh. Und wie fast alle Parkinsonpatienten stand er eines Tages vor der Frage, ob er sich einer Tiefenhirnstimulation unterziehen sollte. Wenn sie gut verläuft, bringt sie einen großen Teil an verloren geglaubter Bewegungsfähigkeit zurück.

Mit der Abgeklärtheit des Biologen und der professionellen Distanz des Wissenschaftsjournalisten schildert der Autor die siebeneinhalbstündige Prozedur, bei der dem Patienten der Schädel aufgebohrt wird. Bei vollem Bewusstsein erlebt er, wie ihm Sonden ins Gehirn gelegt werden. Er muss wach bleiben, damit er den Ärzten mitteilen kann, wie sich der Eingriff auswirkt. Eine vielschichtige, lesenswerte Schilderung mit einer Menge wirklich guten Humors.

 

Operiert wird nur, wer sehr gut auf das Medikament L Dopa reagiert, also einen deutlichen Mangel des Botenstoffs Dopamin erkennen lässt. Um das herauszufinden, werden eine Woche lang alle Medikamente abgesetzt. So erlebte Christian Jung, wie es sich anfühlt, bliebe die Krankheit völlig unbehandelt. Am sechsten Tag kann er sich kaum noch bewegen, liegt zusammengezogen in Embryostellung da. Und dann fällt der Satz. Es ist, als hätte man das Tor zur Hölle geöffnet und einen intensiven Blick hineingeworfen.

 

Nochmal durchstarten erschien im April letzten Jahres. Piloten starten durch, wenn sie merken, dass sie eine Crash-Landung hinlegen. Diese Gefahr besteht bei diesem Autoren zu keinem Zeitpunkt. Sein Buch ist autobiografischer Bericht, Ratgeber und Wissenschaftsbericht in einem. Auf dem 300 Seiten umfassenden Buch hätte sich der Hinweis Kaufe drei, zahle eins deshalb gut gemacht.

 

Am nächsten kommt dem Inhalt dieses Werks eine kleine Zeichnung am rechten Rand des Covers: Ein Seiltänzer hält sich auf einer gewellten Linie. Die Angst vor dem Absturz gehört zum Alltag beim Leben mit dieser Erkrankung des Gehirns. Beeindruckend die Präzision und die emotionale Tiefe, mit der Christian Jung den Einbruch in den Alltag, den diese Diagnose bezeichnet, schildert. Eine Fundgrube für Menschen, die mit dieser Krankheit leben müssen. Und das sind - wie dieses Buch zeigt - in einem starken Maße die Angehörigen, die dieses Buch ebenfalls mit Gewinn lesen könnten.

 

Jeder von uns hat zwei Leben. Und das zweite beginnt, wenn wir merken, wir haben nur eins. Das zweite Leben des Autoren beginnt nach der erfolgreichen Tiefenhirnstimulation. Es gelingt Christian Jung, mir den Gedanken an einen solchen Eingriff nahe zu bringen. Und das will etwas heißen.

 

Ein Buch also, das zum Nachdenken und zum Überdenken der eigenen Umgangsformen mit der Krankheit anregt. Und das dann sogar Hoffnung verbreitet, obwohl die Zahl der Patienten zunimmt. Sie könnten es einmal besser haben, denn die Forschung nach wirksameren Medikamenten läuft auf Hochtouren. Christian Jung hält seine LeserInnen online auf dem Laufenden. Die Kaufenden.

 

Christian Jung, Noch mal durchstarten, dtv premium, 17,90 Euro


Fotos verdeutlichen die Entfernung der eigenen Wahrnehmung von der Realität.

Das geht Ihnen auch so? Danke, das tröstet mich wirklich.